Zur Startseite

Berichte

Lebensräume der alten Kulturlandschaft

Die Wässerung

Eine zentrale und nachhaltige Kulturtechnik in der alten europäischen Kulturlandschaft

Geschichte der Wässerung

von Karel Kleijn

Erst seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts keimt die Erkenntnis, dass in der alten europäischen Kulturlandschaft die Bewässerung eine zentrale Rolle spielte - und das sowohl in vielen Ackerbaugebieten, in Gebieten mit gemischten Betrieben sowie in reinen Grünlandbereichen. Dass diese Erkenntnis erst sehr spät dämmerte, verwundert, da die Wässerung, wenn nicht schon bei den Jägern und Sammlern zur Steigerung der Fisch- und Jagderträge, wohl schon bei der Entwicklung der sesshaften Landwirtschaft, sowohl in Bezug auf Ackerbau als bei der Tierhaltung, in mehreren Kulturzentren der Welt eine wesentliche Errungenschaft gewesen sein dürfte. Das zeigt sich nicht nur in Eurasien, sondern auch in frühen landwirtschaftlichen Hochburgen in Süd- und Nord-Amerika. Es erklärt auch, wieso europäische Siedler in Nord-Amerika, inklusive der Wikinger, ihre Wässertraditionen aus der alten in der neuen Heimat beibehielten. Wie sich die Wässerung entwickelte, wird sich wohl nicht vollends klären lassen.

 

Klar ersichtlich ist, dass in natürlichen Flusslandschaften, Quelllagen und Hochwasserbereichen ganzjährig ein hohes Angebot an Wasserfrüchten, Wild sowie nährstoff- und energiereichen frischen Planzenteilen besteht, vor allem dort, wo es einen Grundwasserzug und/oder Sedimentablagerungen gibt. (Auffällig ist aber auch, dass die traditionellen Wässeranlagen fast deckungsgleich sind mit Biberlandschaften, was mit ein Grund ist, dass in jüngster Zeit regelmäßig an eine co-evolutionäre Beziehung zwischen Mensch und Biber gedacht wird, wie bei einem Haustier, allerdings ohne Zähmung.)

Die Wässerung hatte große Bedeutung für eine nachhaltige Ackernutzung und die Entwicklung marktorientierter Viehhaltungs-, Gemüsebau- und Obstbau-Konzepte In vielen Flächen prägte sie die Bodenbildung, Grundwasserneubildung und spielte eine wesentliche Rolle bei Strategien zu Trinkwassernutzung, Erosionsschutz und Hochwasserschutz. Die Wässerung sicherte die Grünland- und Ackererträge in sommertrockenen Gebieten, und stellte über die im Wasser enthaltenen Nährstoffe eine wesentliche Düngestrategie da. Jahrtausende war die Düngung mit Kompost und Mist, wegen geringer Mengen, auf den Ackerflächen beschränkt. Die Tierhaltung diente überwiegend der Produktion der dafür selten ausreichenden Mistmenge. Mit steigenden Bevölkerungsdichten wurden zunehmend die besseren Grünlandbereiche in Ackerland umgesetzt, so blieben für die Viehhaltung, bei steigendem Düngerbedarf nur magere Restflächen übrig. Die Düngung durch Wiesenwässerung war lange Zeit der einzige Weg mit größeren Mengen qualitätsmäßig hochwertigem Viehfutter dieses Problem zu entschärfen.  Deswegen ist es verwunderlich, dass die Wässerung in den Leitbildern für den Erhalt von Resten der alten Kulturlandschaft und für den Artenschutz kaum eine Rolle spielt. Dabei sind die Bedeutung und Entwicklung der Wässerung in Europa seit dem Mittelalter mittlerweile gut dokumentiert. Es zeigt, dass die alte Kulturlandschaft nicht zuletzt durch ständige Fortentwicklung der Wässerverfahren und spätestens seit dem 17. Jahrhundert durch erfolgende Erweiterung der Wässerung in Anbindung an Flußregulierung, Moorkultivierung, Bergbauprojekte und Projekte zur Verwertung von Siedlungsabwasser, von einer ständigen Änderung geprägt war. DIE alte, von Traditionen geprägte, Jahrhunderte nicht optimierte Kulturlandschaft gab es nicht, die einzige Konstante war die ständige Dynamik. Dabei müssen wir uns auch vom Bild der Dominanz einer auf Selbstversorgung orientierten Landwirtschaft verabschieden. Die Entstehung regionaler, städtischer und europäischer Märkte, über die neuen Handels- und Industriezentren und ein Weltmarkt durch Rohstoff- und Nahrungsmittelimporte von Übersee, zwingen die Landwirtschaft zu ständig neuen Nutzungsstrategien. Dazu kommt die Dynamik infolge von Seuchen, Kriegen und Klimaschwankungen. Diese Dynamik gibt es lang, bevor die Neuerungen wie Mechanisierung und Erfindung von Kunstdünger Einzug halten. Wie schnell und unbemerkt diese Änderungen erfolgten, zeigten die Siedlungsbereiche in den Hochlagen des Bayerischen Waldes. Sie gelten als Muster von gut erhaltener alter Kulturlandschaft, obwohl auf 100% der Kultur- und  Waldfläche, in der zweiten Hälfte vom 20 Jahrhundert , eine grundlegende Nutzungsänderung erfolgte, und letztendlich eine teils verbrachte, teils neue von einem falschen Leitbild geprägte und mit Großmaschinen gepflegte/genutzte Forst- und Pflegelandschaft entstand.

 

Entwicklung im Bayerischen Wald

 

Auch im Bayerischen Wald erlebte die Wässerung ihre Blütezeit ab dem 17. Jahrhundert, ebenfalls in Zusammenhang mit einer Reihe von industriellen Entwicklungen. Für die Wässerung war schon immer die Bindung an Sägewerke oder Glashütten wichtig. Dazu kommen später die Hammerwerke und vor allem die Holztrift. Bei allen wurde für eine gute und regelmäßige Wasserversorgung Quellwasser gefasst und über größere Entfernungen zu den Einsatzorten transportiert, Speicherseen ermöglichten eine ausgeglichene Versorgung, aber auch einen Schwallbetrieb. Der Bau des „Wimmerkanal“ ist dafür beispielhaft. Durch die politischen Wirren um der Entstehungszeit Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der Kanal nie als Triftsystem genutzt, aber es ermöglichte auf der gesamten Baustrecke die Anlage neuer und die Erweiterung alter Wässerwiesen. Neue Siedlungsflächen in den Grenzwald, inklusive den Raumreuten, wurden ebenfalls großflächig als Wässerwiese genutzt. Von staatlicher, städtischer und gutsherrlicher Förderung der Wässerung zeugen Beispiele von Systemen mit künstlicher Rückenwässerung, Systemen mit systematischer Verrieselung von Siedlungsabwasser und Wässerung von mit einer Mineralbodenschicht überdeckten Mooren. Das sind pflege- und kapitalintensive Lösungen, die eine Planung durch speziell ausgebildete Wiesenbauer erforderten.

Der Raum wurde eine lange Zeit für die Sommerlagerung von Rindertransporten vom Alpenraum und Ost-Europa in die Ballungszentren in West-Europa genutzt; mit dem neuen Wirtschaftszweig der lokalen Produktion von Qualitätszug- und Fleischochsen sowie Qualitätstieren in Herdbuchzucht entstand Interesse in diese Neuerungen wegen der Notwendigkeit der Verbesserung der Futtergrundlage. Qualitätszuchttiere in Herdbuchzucht. Im Bayerischen Wald wurde Vieh schon früh nicht mehr auf schlechte Flächen nur zur Mistproduktion gehalten. Mit gutem Futter, auf Basis von einer ausgereiften Wiesenwässerung erfolgte zumindest die Rinderhaltung marktorientiert zum Verkauf in den angrenzenden Gunstlagen Nieder- und Oberbayerns. Die Viehhaltung erfüllte im 18. und 19. Jahrhundert höchste Standards. Um diese zu erreichen, wurden Fachkräfte aus den Alpenraum geholt, was sich jetzt in Flurnahmen wie Alm, und Bachnahmen wie Schweizer und Tiroler Bach spiegelt. Herdbuchzucht gab es zumindest bei Fleckvieh, Simmenthaler und Pinzgauer, für das Rotvieh gibt es keine Belege, die Rasse wurde zumindest auf böhmischer Seite gehalten.

 

Ertragssteigernde Wirkung der Wässerung im Bayerischen Wald

 

Im Bayerischen Wald erfolgte die Wässerung eher nicht, um Mängel in der Wasserversorgung auszugleichen. Dennoch befand sich ein Schwerpunkt der Wiesenwässerung in trockengefährdeten, von grobkörnigen Böden geprägten, sonnexponierten Hanglagen. Die Wässerung führte hier zu Ertragssteigerung und -sicherung, und half Trockenschäden nach der Mahd zu vermeiden. Wichtig war dabei auch die durch bessere Wasserversorgung erhöhte Verdunstung, die eine Grundlage war für Tau- und Reifbildung, und lokale Sommerniederschläge, was indirekt die Probleme in Trockenlagen entschärfte.  Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass die großflächige Wiesenwässerung das Lokalklima stark beeinflusste. Wesentlich bei der Wässerung war die Beseitigung vom Erstschnee und die Beschleunigung der Schneeschmelze. Dies und die Erhöhung der Lufttemperatur an der Bodenoberfläche verlängerte die Vegetationsperiode, verringerte die Gefahr von Früh- und Spätfrostschäden. Unterhalb einer gewässerten Schneedecke war Wachstum im Winter möglich, Bei Winterwässerung gab es auch in den Hochlagen im Winter schneefreie Lagen, was nach Beendigung der Wässerung nur noch in Grünland mit üppigem Quellaustritt der Fall ist. Solche Lagen ermöglichten ein beschränktes Angebot an Grünfutter, besonders wichtig für trächtige Tiere und bei der Geflügelhaltung. Diese Bereiche waren ein wesentliches Lebensraumelement für Zugvögel und überwinternde Tierarten und waren entscheidend für die einstmalige Verbreitung von Rebhuhn und Waldhühner. Wesentlich für die Erwärmung waren die Schwemmen, kleine Teiche oft in Bereichen mit Quellaustritt, wo die Speicherung eine Erwärmung des Grundwassers ermöglichte.

In allen Gebieten mit Wässerung war es aber vor allem der düngende, entsauernde und in Küstennähe und Trockengebiete die entsalzende Wirkung der Wässerung, die ihre Verbreitung erklärt. Die Düngung erfolgte über die im Wasser gelösten Mineralien, und durch die mitgeführten Schwebstoffe (Bodenteilchen, tote Biomasse). Üblich war die Anreicherung mit Kompost, Abwasser, Jauche oder Dünger. Dies wurde vereinzelt erreicht, indem Wasser gezielt in einen Graben durch den Stall führte. Häufig gab es eine Hausschwemme, die sich zumeist unterhalb der Miststätte befand und vom Überlauf des Hausbrunnens gespeist wurde. Neben der Hausschwemme stand oft ein „Klohäusl“. In den übrigen Schwemmen wurde teils vor der Schwallentleerung Dünger im Schwemmwasser gerührt. Das Überlaufwasser vom Hausbrunnen wurde für die Hauswiese, Garten und Obstwiese genutzt. Die Düngung mit Siedlungsabwasser erfolgte über den Dorfgraben, wie bei der Stallentmistung, nur im großen Maßstab. Die Auflandung durch abgelagerte Schwebstoffe konnte auf Wässerwiesen jährlich einige Millimeter betragen, was ausreichte, um auf  unproduktiven, grobkörnigen Böden, eine produktive von Tonhumuskomplexe geprägte Bodenschicht aufzubauen. Unklar ist, in welchem Ausmaß die Wässerung im Bayerischen Wald auch im Feldgrasbereich, also in Kombination mit Ackernutzung, erfolgte. Klar ist die Nutzung von Grabenaushub für den Anbau von Kraut und Dorschen (=Steckrüben) in den Wässerwiesen. In den Wässersystemen integrierte Mühlenteiche wurden nicht nur als Fischweiher genutzt, sondern in längeren Trockenphasen, wegen der fruchtbaren Schlammablagerungen, auch als Acker oder für Gemüseanbau. Eine Kultur war Hanf, der sonst eher typisch war als Kultur in den kultivierten Sumpfbereichen von Flussmündungen, wie etwa das Isarmündungsgebiet.  Die Düngewirkung senkte die Wasser-, Mineral- und Stoffausträge aus der Landschaft und ist ein Musterbeispiel für Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Landnutzung. Die maßvolle Wässerung, bei gleichzeitiger Entwässerung, ermöglichte die Ausspülung von Huminsäuren und Wasserstoffionen und die Umsetzung und Ausfällung von Nitrat, Sulphat und gelöster Metalle. Der mit der Wässerung eingetragene Sauerstoff erhöhte die Bodenaktivität von Mikroflora und -fauna und die Durchwurzelung des Bodens. Die Umwandlung von vermoorten, staunassen Standorten in produktive Wässerwiesen wurde ab dem 17. Jahrhundert zu einer gesellschaftlich geförderten und organisierten Aufgabe der mit Landwirtschafts- und Wasserwirtschafts- Fachleuten bereicherten Militärverwaltung.

Die Wiesenwässerung änderte Bodenbildungsprozesse grundlegend, und ermöglichte sonst auf quell- und hochwässergeprägten Böden beschränkte Prozesse in den angrenzenden quell- und hochwasserfreien Bereichen. Dasselbe gilt für die Funktion der Aue und Quellbereiche als Lebensraum und Laichplatz, der über das Netz an Be- und Entwässerungsgräben, Klausen und Schwemmen weit in den Hanglagen erweitert wurde. Der Schwund vieler Fischarten, von Steinkrebs, Muscheln, Libellen ist nicht zuletzt auf die Aufgabe der Wässernutzung zurück zu führen. Anderseits ermöglichte die großflächige Wässerung, wie in Quell- und Augebieten, den weitreichenden Ausschluss von Mäusen und Insektenlarven, wie Engerlinge. Die ständige Aus-, und Einleitung von Wasser aus Fließgewässer führte nicht nur zu, durch Konflikte mit gewerblichen Wassernutzer belegten, stark verringerten Abflussmengen. Es muss in der Vegetationsperiode zu für Fließgewässer untypischen Temperaturverhältnissen geführt haben, und somit zu Änderungen in Flora und Fauna der Fließgewässer.

 

Beendung der Wiesenwässerung

 

Die Gründe für die ehemals weite Verbreitung und der vielfach großflächige Einsatz von Wässersystemen in der Landwirtschaft dürften klar sein. Sie erhöhten die Produktion und ermöglichten die Nutzung von Grenzertragsstandorten. Mehr und qualitativ besseres Futter auf Grünland verbesserte das Düngerangebot für die Ackerflächen, das von Anfang des Ackerbaus das Nahrungsangebot der Gesellschaft beschränkte. Der Rückgang der Wässerung erfolgte ab Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts schnell und hatte eine Reihe von Gründen. Zunehmend war weniger die Produktion, sondern die Produktivität für die Landnutzung entscheidend. In Gebieten mit stark Markt orientierter Produktion und einem hohen Anteil an bau-, betriebs und wartungsintensiven modernen Wässersystemen setzte der Rückgang oft schon Ende 1800 ein. In Mittelgebirgen und Gebirgen mit vielenn Selbstversorgungsbetriebe und naturnahen, mit bewältigbarer Handarbeit, betriebenenn Systeme konnten sich Reste der Wässerung bis heute halten. Entscheidend war auch das Ausmaß der Abwanderung von Landarbeitern in Städte, Industrie und Bergbau. Im Bayerischen Wald gab es vorwiegend naturnahe Wässersysteme. Die Marktorientierung (Qualitätsvieh für die Regionalmärkte, Obst, verarbeitete tierische Produkte und Kleinvieh für die Lokalmärkte) profitierte lange von der hohen Produktivität der Wässersysteme und der zunehmende Landarbeitermangel traf nur Betriebe, wo die Familie zu klein war für arbeitsintensive Nutzungen wie Obstbau, Produktveredlung (wie Produktion von Brot, Butter und Geräuchertes), und eben auch die Wässerung. Es wundert nicht, dass die Dichte an Wässersystemen in Lallinger Winkel, Graflinger Tal und im Schmalzdobl von Ringelai sehr hoch ist, Räume wo die Marktorientierung schon früh sehr stark war.

Ein Hauptgrund für das Beenden der Wässerung war die Mechanisierung der Landwirtschaft. Die Wässerung von Ackerlagen im Mittelmeerraum und der Obstbaugebiete (in z.B. Tirol) erfolgen nun mit Sprühanlagen. Im Grünland erschwerte das dichte Grabensystem die maschinelle Ernte. Die Anlage eines Netzwerks neuer Wege in Wald und Offenland führte zum Verlust der Durchgängigkeit der teils kilometerlangen Transportkanäle und legte viele Wässeranlagen trocken. Auch Unterhalt der Kanäle und Entwässerung der Wässerflächen wurde zunehmend ein Problem, wenn dazu die benachbarten Flächen benötigt wurden und auf diese die Wässerung eingestellt worden war, oder wenn Nachbarflächen wegen angrenzender Wässerflächen nicht mit der Maschine erreichbar waren. Ein Problem war auch der Wandel der Nutzung der Wasserkraft, von einer auf Bedarf abgestimmten Nutzung für Mahl-, Säge-,oder Hammerbetrieb, hin zu Stromerzeugung in Dauerbetrieb. Eine Wässerung konnte dann nicht mehr konfliktarm betrieben werden. Wasserverluste bei der Wässerung führten vor allem zu Rentabilitätsverlusten der Stromerzeugung. In Gebieten mit großflächiger genossenschaftlich organisierter Wässerung dauerte der Betrieb der Wässerwiesen etwas länger. Dort wo, wie im Bayerischen Wald, von Einzelnen betriebene Kleinanlagen dominierten, oder Großanlagen ohne gut geordnete Organisationsstrukturen, führten derartige Probleme schnell zur Aufgabe der Wässerung. Die Wässerung war dort nicht wesentlicher Teil des Gemeinschaftslebens, mit gewähltem Sachwalter, traditionelle Veranstaltungen, und eine Bindung an die gemeinsame Brauch- und Trinkwasserversorgung. Auch bei gut organisierten großen Wässersystemen führte die Umstellung auf Stromerzeugung oft zur Aufgabe der Wässerung. In der Neuzeit spielen alte Rechte zur Wässerung und somit Wasserausleitung noch immer eine Rolle bei Genehmigungsverfahren für neue Wasserkraftwerke.

 

Landschaftsökologische Bedeutung der Wässerung

 

Bisher lag die Betonung auf der Wässerung als produktionssteigernder Faktor in der Landwirtschaft. Ebenso bedeutend war der Beitrag bei Hochwasser- und Erosionsschutz sowie Trinkwasserversorgung. Die Auswirkung auf den Wasserhaushalt über die hohen Verdunstungsverluste  der Wässerwiesen und die dadurch abkühlende Wirkung und gesteigerte Bildung von Nebel, Tau, Reif und lokale Sommerniederschläge wurde schon hingewiesen. Genauso wichtig wie der Einfluss dieser kleinklimatischen Änderungen ist die - infolge von der Fassung von Quellen und kleinen Rinnsalen und Bachausleitungen - erweiterte Fläche mit Wasserpufferung und Grundwassereinspeisung. Das führte zu einer wesentlichen Verlängerung von Aufenthaltsdauer von Wasser in der Landschaft, steigerte die Zahl der Quellen, erhöhte ihre Schüttung und Schüttungssicherheit. Die Wässerung ermöglichte in vielen Gebieten die Versorgung von Siedlungen und Einzelanwesen mit Trink- und Brauchwasser (z.B. für die Gartenwässerung). Die Beendung der Wässerung hat auch im Bayerischen Wald zu Problemen mit der Versorgung durch Hausbrunnen geführt. Vielsagend ist auch der Schwund der einst verbreiteten Waldsimsenbestände Ende des 20. Jahrhunderts. Längst nicht immer war für den Schwund dieser von flächig austretendem Quellwasser abhängige Art Dränmaßnahmen verantwortlich, sondern trockneten Lebensräume aus, durch Beendung der Wässerung oberhalb gelegener Flächen. Das ist ein schleichender Prozess, wobei vor allem nach extrem schneearmen Wintern oder trockenen und warmen Sommer auch ein plötzlicher Verlust an Quellaustritt möglich ist. Das Gleiche gilt für viele Anmoor- und Moorgebiete. Auch hier wurde die Entwicklung an vielen Stellen von für die Wässerung mit kilometerlangen Gräben zugeführtem Wasser geprägt, und reicht das verbleibende Lokalwasser in Menge und Qualität nicht aus diese Flächen in Ausmaß und Qualität zu erhalten oder sogar wieder zu beleben. Ein wesentlicher Nutzen der Wässersysteme bestand aus der Entschärfung der Hochwasser- und Erosionsgefahr. Die gleichmäßige Verteilung des Wassers wurde auch gezielt genutzt, um Hangrutschungen und Schäden durch schwer zu bändigende Hangbäche zu entschärfen, mit gezielter Ausleitung und Verteilung über hangparallel gelegte befestigte und sorgsam gepflegte Gräben und Kanäle.

 

Wässerwiesen als Lebensraum

 

Wässerwiesen zeichnen sich aus durch ein Feinmosaik unterschiedlicher Wasserhaushalts-, Boden-, und mikroklimatischer Verhältnisse. Dieser ergibt sich aus den ursprünglichen Standortbedingungen, die Änderungen durch Bau, Pflege und Betrieb der Systeme (Planierung, Bau- und Unterhalt der Gräben und Schwemmen/ Überleitungs-,Verteil-, Stau-, Ausleitungsbauwerke), Sedimente, Entsäuerung bei guter Entwässerung, Versauerung und Vermoorung in Restbereichen mit Staunässe). Vor allem die Bodenbildungsprozesse führten zu ständigen Verschiebungen im Mosaik. War bisher vor allem die Rede von Unterschieden innerhalb der Wässerflächen so gab es erhebliche Unterschiede zwischen den Systemen. Entscheidend waren Lage (Hang- oder Tallage, Mineral- oder Moorbereich, Exposition, Höhenlage), Nutzung (Wiese/Heuweide/Weide/integrierte Ackernutzung, Weide-, Mähzeit und -frequenz ) und Betriebssystem (Hangrieselung/ Rückenwässerung/ Staubetrieb, Wässerperioden, -Dauer. -Frequenz). Wesentlich sind natürlich auch Unterschiede in der Qualität des Wässerwassers (Mineral-, Schwebstoffgehalt, Temperatur, Zugabe und Menge an Düngemitteln).

Die hohe Standortvielfalt  führte zu einer hohen Artenvielfalt, und das nicht nur an Ganzjahresbewohnern, sondern auch an saisonalen Gäste (Jagdgebiet Kreuzotter, Laichplatz Frösche, Brutplatz Wiesenbrüter, Winteräsung Hühnervögel, Feldhase). Wie viele andere über das ganze Jahr produktive und strukturreiche Feuchtgebiete, aber auch naturnahe Extensivweiden oder Altwälder in der Klimax- oder Zerfallsphase,  hatten die Wässerflächen eine große Bedeutung als Ergänzungs-/ Teillebensraum für Arten, die ihren Lebensschwerpunkt in anderen Regionen und/ oder Lebensräumen haben. Im Bayerischen Wald wurde die Artenvielfalt noch dadurch verstärkt, dass der Raum im Sommer genutzt wurde als Durchzugsgebiet und Sommerweide für den Rindertransport aus dem Alpenraum und Ost-Europa zu den Ballungsräumen in West-Europa. Das dürfte über den Samentransport wesentlich zu einer vorübergehenden oder bleibenden Ansiedlung neuer Pflanzenarten geführt haben, vor allem an Standorten mit hoher Standortvielfalt, wie bei den Wässerwiesen. Der Artenrückgang im Bayerischen Wald ab Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte nicht nur durch Intensivierung der Grünlandutzung mit Intensivmahd,  Einsatz von Pestiziden und Überdüngung, sondern im Wesentlichen  durch eine Nutzungsänderung auf der Gesamtfläche. Vor allem die der extrem artenreichen Wässerwiesen und Extensivweiden, mit Flächenanteilen von 20 bis 40 % des Offenlandes bei den Wässerwiesen und ein ähnlicher Anteil der Gesamtfläche bei den Extensivweiden (in den Hochlagen mit Unterbringung der durchziehende Rinderherden deutlich mehr). Hinzu kommt die weitgehende Beendung der Ackernutzung, diesbezüglich die Umstellung auf Maisanbau. Der Ackeranteil lag bei 40 bis 60 % vom Offenland. Damit verschwanden auch die Feldgrasflächen, mit einem Wechsel in Acker- und Grünlandnutzung, die in den ersten Jahren der Wiesenphase, durch die Einsaat mit Samen von Heuboden, die klassische Blumenwiesen bildeten. Auch die Äcker waren durch Extensivdüngung und auf Saatgutreinigung und Bodenbearbeitung beschränkte Unkrautbekämpfung artenreich, was sich auch dadurch zeigt, dass Arten wie die Kornrade bei Personen, die in ihrer Jugend diese Äcker erlebten, weit verbreitet bekannt waren. Das Ausmaß der landschaftlichen Änderungen zeigt sich auch darin, dass das Sammeln der Preiselbeere auf Extensivweiden bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein verbreiteter Nebenerwerb war, belegt durch viele Bildbände aus dieser Zeit. Heute es ein Problem ausreichend Früchte für den Eigenbedarf zu finden. Die geänderte Nutzung erklärt noch immer bei vielen Arten den verzögerten Schwund, die Umstellung auf Intensivlandwirtschaft verhindert die Bildung von artenreichen Ersatzlebensräumen und verarmt diese, wo sie in der Umstellungszeit entstanden. Zwei Beispiele verdeutlichen dies. Das Birkhuhn dringt im Laufe des 18. Jahrhunderts aus den großen Moorbereiche des Böhmerwalds in den Bayerischen Wald vor. Der Grund waren die Öffnung der Grenzwälder durch intensive Holzernte, Windwürfe, Borkenkäfer, Waldweide und neue Siedlungen, und eine erhebliche Intensivierung der Wiesenwässerung. Die Änderungen der Landschaft lagen sicher in einer Größenordnung, wie wir sie heute erleben, und dürften Pate gestanden sein für eine Reihe düsterer Prophezeihungen aus diese Zeit. Das Birkhuhn wird zu einem typischen Bewohner des Raumes, bis zu dem Moment, wo die großen landwirtschaftlichen Änderungen ab Mitte 1900 einsetzen. Es sind die Änderung vom offenen Mehrnutzungswald in geschlossenen Hochforst, die scharfe Trennung vom neuen Forst und Moore von Landwirtschaftsflächen, der Verlust der hochwertigen Winteräsungsplätze (neben Stoppelfelder und Wintergetreide, vor allem Wässerwiesen ), die großflächige Entsteinung von Extensivgrünland und die erste Welle großflächiger Dränmaßnahmen der Kriegsjahre, die Bruterfolge schlagartig nahezu ausschließen. Der sichtbare Zusammenbruch gibt es erst in den 60er und 70er Jahren nach Überalterung der Bestände. Ähnlich verläuft der Schwund bei den einst verbreiteten Orchideenarten. Für die Arten, wo Wässerwiesen einen Schwerpunkt bilden, ändert die Beendung der Wässerung offensichtlich nichts, wenn nicht gleichzeitig Intensivmahd, Verfüllungen und Planierungen und Intensivdüngung erfolgen. Dass mit der Beendung der Wässerung die Samenkeimung, auf den nun trockenen, langsam versauernden, ausgehagerten von Rohhumusauflage bedeckten Standorten, ausbleibt, zeigt sich erst, wenn teils nach Jahrzehnten, auch bei gezielter Pflegemahd, Bestände, großflächig und im gesamten Raum durch Überalterung rapide zusammenbrechen.

 

BN-Ankaufsflächen und Wiesenwässerung

 

Die Notwendigkeit sich als Naturschutzverband mit der Wiesenwässerung auseinanderzusetzen, dürfte klar sein. Wer sich mit Artenhilfsprogrammen beschäftigt, sollte wissen, wo die Probleme der Zielarten liegen, und das erfordert Kenntnisse bezüglich der einstmalig „guten Zeit“ der Art, die damaligen Lebensräume und deren Nutzung. Oft spielt die Wässerung da eine Rolle. Die Wiederaufnahme der Wässerung ist weitgehend ausgeschlossen, dennoch sucht man auf Grund des rekonstruierten Lebensraumbildes, nach Wegne, durch z.B. Nutzung, Gestaltung und Wiedervernässung von Feuchtflächen, ähnliche Verhältnisse zu schaffen. Wie die europaweit dürftigen Erfolge bei den intensiven Schutzprogramme der Wiesenbrüter zeigen, ist das ein mühseliges Geschäft und man wird kleinlaut, wenn in zwei Ankaufsflächen, schon kurz nachdem der Biber jede geplante und menschliche Pflege ausgeschlossen hat, erste Wiesenbrüter erfolgreich brüten. Die Bedeutung von Kenntnissen der Wiesenwässerung wird erst richtig klar, wenn sich zeigt dass in allen Pacht- und Ankaufsflächen der Kreisgruppe Reste von Wässersystemen zu finden sind, mit einer großen Systemvielfalt und Standortvielfalt. Es gibt Reste in Niedermoor-, Übergangsmoor-, Hochmoor-, Bruch-, Au-, Quell- und trockenen Mineralstandorten, in Hoch- und Tieflagen. Bei den Systemen gibt es Beispiele für Hangverrieselung mit Quellwasser und Schwemmen oder über kilometerlange Zuleitungsgräben im Wald, und Beispiele für Wässerung durch Bachausleitungen und  Rückenverrieselung. Es gibt zumindest ein Beispiel für die Wässerung auf einer mit Mineralboden überdeckten Moorfläche (verbesserte Moorkultur). Der Besitz von  diesem Kulturerbe wird bei Entwicklungsplänen und der nachfolgenden Pflege zu berücksichtigen sein, deutet aber auch deutlich auf Grenzen bei den Entwicklungs- und bei Artenschutzzielen. Ist eine Wiederaufnahme der Wässerung ausgeschlossen, können wir die Spuren der alten Nutzung beschränkt erhalten, der Rückkehr verschwundener von Wässerung abhängiger Arten, oder der langfristige Erhalt der Reste solcher Artvorkommen ist teils ausgeschlossen oder erfordert ganz neue Nutzungs-/Pflegekonzepte. Dort, wo die Reste noch aktiv betrieben werden oder passiv überzufließendes Wasser funktionell sind, sind die Erfolgsaussichten etwas anders, aber auch dort ist oft nur ein kläglicher Rest der alten Situation und der Betriebsführung wieder zu beleben, weil z.B. die Schwemme verfallen ist/verfüllt wurde, die Zumischung von Dünger ausgeschlossen ist. Auch sind oft infolge des Teilzerfalls neue Lebensraüme entstanden und Arten aufgetaucht, die gegen eine rigorose Wiederbelebung sprechen. Auch hier gibt es zwei Beispiele, um dies zu verdeutlichen.

Die Ankaufsflächen in Langreut (Gemeinde Haidmühle-Bischofsreut) wurden auf der Gesamtfläche gewässert. Es sind viele Verteil-, und Entwässerungsgräben noch funktionsfähig, die Wasserversorgung dieses großflächigen Quellgebiets ist ganzjährig optimal. Fehlende Grabenpflege führte zu einem Mosaik staunasser und rieselnasser Bereiche, unterschiedliche Intensität und Form (Mahd und/oder Beweidung) verstärken die Mosaikbildung. Die Wässerung war wohl nur auf Lenkung und gleichmäßige Verteilung und Ausleitung des Quellwassers beschränkt, ein Zustand, der auch jetzt durch den Grabenrest noch weitgehend existiert. Eine Schwemme ist als wiederbelebbarer Rest erhalten, liegt aber auf der Grundstücksgrenze. Es gibt Hinweise auf möglicherweise zwei weitere Schwemmen, die kärglichen Reste könnten aber auch Vorrichtungen für die Wasserverteilung gewesen sein. Die Fläche ist eine der letzten Beispiele für den infolge der Wässerung einst verbreitenden basischen geprägten Feuchtflächen im sauren Urgesteinsbereich. Diese waren einst der Lebensraum für eine Reihe anspruchsvoller Pflanzen- und Tierarten und gehörten zu den artenreichsten Bereichen des Bayerischen Waldes. Der Erhalt der Fläche, inklusive der Kulturkomponente, ist eine aufwendige, aber mögliche Daueraufgabe. Angrenzende Teile der teilfunktionellen Wässerfläche wurden aufgeforstet und innerhalb der BN- Fläche befindet sich ein tiefer Entwässerungsgräben. Grabenverfüllung und Erweiterung der Fläche durch Ankauf und Freistellung oder der schon erfolgreich angefangene Zusammenarbeit mit den Bayerischen Staatsforsten sollen durch das EU-Projekt ,,Life for Mires = Leben für Moore“ schnell umsetzbar sein. Der Erhalt der wertvollen Flora erscheint damit gesichert zu sein, ob es reicht zur Rückkehr von Braunkehlchen/Wiesenpieper wird die Zukunft zeigen - und dafür müssen auch großräumig die Bedingungen stimmen. Bei der Kreuzotter gibt es eine Vielzahl von Hilfsmaßnahmen, aber auch hier ist ein regionaler Ansatz nötig. Spannend wird der Zusammenarbeit mit dem Biber, der seit diesem Winter Spuren hinterlässt.

Das zweite Beispiel sind die Projektflächen am Wagenwasser. Dort wurde die große Zentralfläche fast vollständig als Wässerwiese genutzt bis zur Aufforstung in den 60er Jahren, der nördliche vom Wagenwasser gelegene Hauptteil mit Hangwässerung und Wasserzufuhr aus größere Entfernung aus den Hangwälder oberhalb der Fläche, teils über einen Quellast des Wagenwassers. Der Teil südlich vom Wagenwasser wurde über eine Ausleitung aus dem Wagenwasser versorgt. Zur Aufforstung wurden Teile des Zulaufsystems tiefer gelegt und dienen somit nur noch der Entwässerung der Fläche und zur Durchleitung des zugeführten Wassers. Der Graben wurde durch einige Drängräben ergänzt. Die Quellaustritte innerhalb der Fläche reichen für die Bildung kleiner Anmoor- und Niedermoorbereiche. Ohne der einstmaligen zusätzlichen Wasserzufuhr und der Betrieb funktionsfähiger Verteilgräben überwiegen jetzt trockene Mineralbodenbereiche, zumal die Beendung der Wässerung, auch die der angrenzenden Flächen, Ausmaß, Dauer und Zahl der Quellaustritte erheblich reduziert und die Moorbereiche in Trockenjahre, als Folge tiefgründig austrocknen. Zur Förderung der Moorentwicklung wurden die Drängräben verfüllt, die vertieften Bereiche vom vertieften Zulaufgraben im Hangbereich teils angehoben, und in Mäandern verlegt. Vorrangiges Ziel wird es sein die Wasserverluste aus der Fläche weiter zu begrenzen. In den weiteren Flächen des Projektbereichs erfolgte die Wässerung durch Fassung und Verteilung der Quellaustritte. Teile der Verteilgräben sind wie in Langreut noch funktionsfähig. Hier reicht es zur Wiedervernässung, die Gräben auszubessern, um Kurzschlüsse zu beenden. Zur besseren Verteilung und Wasserrückhaltung ist ein Teileinstau der Gräben erforderlich. Ziel ist es, die Aufforstungsflächen zu ökologisch wertvollen Moorwäldern zu entwickeln. Anfallendes Schadholz wird durch Einschlitzen der Rinde vor Borkenkäferbefall geschützt, und verbleibt zur Moorbodenbildung in der Fläche. In der Gesamtfläche werden, als Spur der ehemaligen Wässerung

 die Verteilgräben, vor allem die noch Wasser führenden, noch lange als Kulturrelikt erhalten bleiben. Ob und in welchem Ausmaß Reste der Artenbestände aus dieser Zeit sich bei ein auf Moorentwicklung zielendes Projekt langfristig überleben können und sogar neue Chancen bekommen wird, kann nur die Zukunft zeigen. Zumindest bei der Fauna, lassen das Vorkommen von Birkenmaus, Alpenspitzmaus, Haselhuhn und Kreuzotter hoffen, dass der bisherige Weg auch für diese Arten ein Überleben ermöglicht.